Ausstellungen

Gesichter der Bordesholmer Linde

Wie ich zu der Idee dieses Kunstprojekts kam:

 

Während eines Malkurses von Tatjana Wolfers in der Malstatt am Lindenplatz bekamen wir die Aufgabe, die Bordesholmer Linde zu skizzieren. Zunächst war ich wenig begeistert, denn den Anblick der Linde finde ich im Moment gar nicht schön. Gerade im Frühjahr noch ohne Blätterkleid, dazu mit ihrem stark zurückgeschnittenen Ästen und auch noch gestützt durch Metallschienen, gibt sie ein derart jämmerliches Bild ab, was mich sehr traurig macht.

Als wir aber nun da so standen und sie immer wieder anschauten, spürte ich es plötzlich:

Die Kraft, die noch immer von diesem alten Baum ausgeht.

Während meine Augen den Stamm entlangwanderten, entdeckte ich, wieviel Schönheit noch in dieser alten, knorrigen Linde steckt. Ich versank regelrecht in diesem Kunstwerk der Natur, dass ich alles um mich herum vergaß. Da reifte in mir der Gedanke, mit einem Fotoapparat bewaffnet, wiederzukommen, um meine Entdeckungen in Fotos einzufangen.

Ein paar Tage später schnappte ich mir also meine Kamera und machte mich auf, die Schönheiten unserer Bordesholmer Linde zu fotografieren. Und während ich so durch die Linse linste und suchte und stöberte und knipste, zeigte mir unsere Linde plötzlich:

ihre „wahren“ Gesichter.

Die Fotografien dieser natürlichen Portraits habe ich auf Holzlatten übertragen und mit Acrylfarbe und Schleifpapier bearbeitet. 

„Vicelin“

1090-1154

 

Mittelalter.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der Missionare sich aufmachen, die Lehren Christi zu verbereiten. Der Theologe Vicelin ist einer von ihnen.

Im Jahre 1127 landet er schließlich in Neumünster, wo er mit einigen Gleichgesinnten das Augustiner Chorherrenstift gründet. Mit dem Bau des Klosters „Novum Monasterium“ kommt die Stadt zu ihrem heutigen Namen.

Des weiteren macht Vicelin den damaligen Kaiser Lothar III auf die strategisch günstige Lage des Kalkberges aufmerksam, woraufhin dieser dort die Siegesburg (Segeberg) errichten lässt.

200 Jahre später wird es den Mönchen in Neumünster durch den zunehmenden Handel und Kriegstreiben zu unruhig und so beschließen sie ins nahe, beschauliche Bordesholm umzusiedeln. Erst mit dem Kloster entsteht auch der Ort Bordesholm, dessen Name so viel bedeutet wie „ufernahe Insel“, abgeleitet vom Plattdeutschen „Bord“ für Ufer/Rand und „Holm“, dem Wort für Insel.

Mit dem Bau der Kirche (geweiht 1332) werden auch die Gebeine Vicelins nach dessen Heiligsprechung von Neumünster nach Bordesholm überführt.

 

Dies wird auch der ungefähre Zeitpunkt sein, an dem die Bordesholmer Linde gepflanzt wird. 

„Anna von Brandenburg“

1487-1514

 

Am 10. April 1502 heiratet die blutjunge Prinzessin Anna von Brandenburg den Herzog und späteren dänischen und norwegischen König Friedrich I. Für sie lässt Friedrich die mittelalterliche Burg in Kiel zum Kieler Schloß umbauen.

 

Das Herzogpaar lebt zwar auf Schloss Gottorf, ist aber Bordesholm sehr zugetan. So stiften sie der Klosterkirche 1509 das Chorgestühl und 1514 den berühmten Hans-Brüggemann-Altar.

 

1503 bekommt Anna ihr erstes Kind, Sohn Christian (III.), den späteren König von Dänemark und Norwegen. Durch ihn sind Anna und Friedrich die Stammeltern des heutigen dänischen Könighauses.

Bald darauf erwartet Anna bereits ihr nächstes Kind, Tochter Dorothea. Doch diese zwei Entbindungen, so kurz hintereinander, schwächen sie sehr. Sie erkrankt mit 22 Jahren an Tuberkulose und stirbt im 27. Lebensjahr.

 

Schon zu Annas Lebzeiten wird der bronzene Kenotaph (eigentlich ein Scheingrab ohne Gebeine, in diesem Fall ein Aufbau über dem eigentlichen Grab) in Auftrag gegeben, denn auch Friedrich plant, in der Bordesholmer Klosterkirche beigesetzt zu werden.

Damit wird in Nordeuropa erstmalig eine Klosterkirche zur Grablege einer Herrscherfamilie.

Hier findet Anna ihre letzte Ruhe. Friedrich allerdings wird 1533 im Dom von Schleswig begraben.

 

Vieles ist geschehen und die Bordesholmer Linde hat´s gesehen…

„Hans Brüggemann“

1480-1540

 

Hans Brüggemann ist ein Bildhauer und -schnitzer und betreibt seine Werkstatt in Husum.

1514 erhält er den Auftrag zu seinem bekanntesten Werk: den dreiflügeligen Passionsaltar für die Klosterkirche in Bordesholm. Inspirationen für diese Arbeit findet er unter anderem in den Holzschnitten Albrecht Dürers.

 

Als gegen 1547 die Reformation auch Schleswig-Holsten erreicht, wird durch die damit einhergehende Säkularisierung das Bordesholmer Kloster in eine Fürstenschule umgewandelt.

 

Im 30-jährigen Krieg wird die Gelehrtenschule zerstört und erst 1662 wieder eröffnet. Doch bereits 1665 wird sie nach Kiel verlegt und bildet dort den Grundstock für die neu gegründete Christian-Albrecht-Universität, benannt nach dem zu diesem Zeitpunkt amtierenden Gottorfer Herzog. Dieser veranlasst jetzt auch den Umzug des Altars in den Dom von Schleswig.

 

Als Ersatz bekommt die Klosterkirche den Altar aus der St. Johannis Kirche in Brügge, ebenfalls ein Werk von Hans Brüggemann. Doch auch dieser wird nur einige Jahrzehnte später ins Schloss Gottorf gebracht. Der heutige Altar wird 1727 von Herzog Carl-Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorf (Vater des russischen Zaren Peter III und somit Schwiegervater von Katharina der Großen) gestiftet, als die Kirche nach jahrzehntelangem Leerstand eine neue Nutzung als Gemeindekirche erhält.

 

 

Die Reformation macht auch Hans Brüggemann zu schaffen. Er bekommt keine Aufträge mehr und der Sage nach verstirbt er einsam in einem Armenhaus in Husum.

           

Vieles ist geschehen und die Bordesholmer Linde hat´s gesehen…

„Johann Daniel Major“

1634-1693

 

Der promovierte Mediziner und Universalgelehrter wird 1665 an die neu gegründete Christian-Albrecht-Universität Kiel berufen, um dort Medizin und Botanik zu lehren.

Zu diesem Zeitpunkt hat er sich bereits als erfolgreicher Pestarzt in Hamburg und Wittenberg einen Namen gemacht.

 

Johann Daniel Major sorgt in Kiel rasch für Aufsehen, da er, als einer der ersten Mediziner, öffentliche Sektionen an hingerichteten Verbrechern vornimmt.

Außerdem wird von ihm der Botanische Garten in Kiel angelegt.

 

Daneben unternimmt er einige Forschungsreisen. Im Zuge einer dieser Reisen bittet man ihn, in Stockholm die tödlich erkrankte Königin Ulrike Eleonore zu heilen. Leider kann er der Sterbenden nicht helfen. Schlimmer noch: er infiziert sich selbst und stirbt schon nach einer Woche.

Sein Leichnam soll nach Kiel überführt werden, damit er wie andere Kieler Professoren in der Bordesholmer Klosterkirche bestattet werden kann. Doch dazu kommt es nicht. Das Schiff sinkt und Johann Daniel Major findet seine letzte Ruhe in der Ostsee.

 

Zur Erinnerung an diesen Professor gibt es in der Klosterkirche ein Portraitrelief von ihm.

 

Vieles ist geschehen und die Bordesholmer Linde hat´s gesehen...

„Caspar von Saldern“

1711-1786

 

Caspar von Saldern ist ein Politiker und Diplomat, der in der sogenannte Großfürstlichen Zeit agiert, in der das Herzogtum Schleswig zu Dänemark gehört, während das Herzogtum Holstein durch Erbschaftsfolge von Russland aus regiert wird. Die Interessen der russischen Zarenherzöge werden durch Beamte, wie z.B. Caspar von Saldern wahrgenommen.

 

Um seine politische Karriere anzukurbeln, geht von Saldern nach Russland und arbeitet eng mit dem, im Kieler Schloss geborenen, Zar Peter III zusammen. Ein wichtiges Anliegen ist beiden, die Verhandlungen mit Dänemark um die großfürstlichen Anteile am Herzogtum Holstein zu führen. Doch zu einer Lösung kommt es jetzt noch nicht, da Zar Peter III von seiner eigenen Ehefrau, besser bekannt als Katharina die Große, gestürzt wird und unter mysteriösen Umständen kurze Zeit später gar verstirbt.

 

Caspar von Saldern bleibt auch unter Katharina der Großen im inneren Zirkel der Macht. Die Krönung seiner diplomatischen Laufbahn ist das Zustandekommen des Vertrages von Zarkoje Selo, bei dem Russland auf alle Ansprüche auf den Gottorfer Anteil von Schleswig und auf seinen Anteil von Holstein verzichtet. Nun ist das Herzogtum Holstein, die Heimat von Caspar von Saldern nicht mehr Zankapfel der nordischen Großmächte.

 

Nach seinem Tod wird er in der Salderngruft, die er 1768 erwarb, beigesetzt.

 

Vieles ist geschehen und die Bordesholmer Linde hat´s gesehen…

„Der Schinkendieb“

 

Stellvertretend für alle größeren und kleineren Schufte, über die unter dem Dach der Bordesholmer Linde (bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts diente sie als Gerichtslinde des Amtes Bordesholm) ein Urteil gefällt wurde.

 

Eiderstede, 31. Mai 1899: „In Eiderstede wurde heute am hellichten Tage, während die Hausbewohner im Garten beschäftigt waren, vom Speckwiem auf der großen Diele eines Bauerngehöfts ein Schinken entwendet. Der Dieb hat sich noch so viel Zeit gelassen, den Beutel, in welchem der Schinken sich befand, wieder mit Heu zu füllen, um das Verschwinden desselben nicht so augenfällig zu machen.“ (KNN vom 02.06.1899)

 

„Im Mittelalter fand das Gericht häufig im Schutz des Baumes statt, bestand doch die Pflicht, das Gericht unter freiem Himmel abzuhalten … Die zum Schutz der Gerichtsstätten gepflanzten Einzelbäume oder Baumgruppen waren der Häufigkeit nach Linden, Ulmen, Eichen, Fichten und Eschen. Deutlich dominierte die Linde, welcher der Aberglaube besondere vielfältige u. starke magische Wirkungen zuschrieb. So sollte man unter der Linde am sichersten vor Blitzschlag geschützt sein. Für die Wahl der Linde zum Gerichtsbaum schlechthin waren sicher auch ihr hoher Wuchs, ihr rasches Wachstum, ihre hohe Lebensdauer von mehreren hundert Jahren und ihr dichtes Blätterdach bestimmend. Hinzu kommt, dass die Linde relativ gut Eingriffen von Menschenhand standhält, etwa das Abstützen und Umleiten der Äste, um den geschützten Bereich zu vergrößern oder um in ihrer Krone eine Tanzdiele einzurichten. Die enge Verbindung von Linde und Gericht kommt in einigen Gegenden Deutschlands auch darin zum Ausdruck, dass das Wort Linde synonym für Gericht gebraucht wird.“

Heiner Lück: Gerichtsstätten. In: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte. 2. Aufl. 2004, 9. Lfg., Sp. 174.

 

Vieles ist geschehen und die Bordesholmer Linde hat´s gesehen...

„Kaiser Wilhelm II“

1859-1941

 

Wilhelm II ist ab 1888 bis zum Ende des 1. Weltkrieges 1918 der letzte Deutsche Kaiser und König von Preußen.

 

Er ist ein leidenschaftlicher Segler und daher ab 1894 Stammgast und Regattateilnehmer der Kieler Woche. Bereits im Jahr 1891 verleiht er dem Kieler Marine-Regatta-Verein den Titel Kaiserlichen-Yacht-Club und verschifft seine erste eigene Yacht, die Meteor I, nach Kiel. Sämtliche weitere kaiserliche Yachtschiffe sollen folgen.

 

1914 erhält der Kaiser die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo (was zum Auslöser des 1. Weltkrieges wird) während einer Regatta des KYC. Die Meteor IV und weitere Schiffe brechen die Wettfahrt sofort ab.

 

1903 veranlasst Kaiser Wilhelm II, dass in der Bordesholmer Klosterkirche der Kenotaph von Anna von B. und Herzog Friedrich I zwischen dem Chorgestühl aufgestellt wird.

Erst seit 2000 befindet er sich wieder auf seinem ursprünglichen Platz.

 

Vieles ist geschehen und die Bordesholmer Linde hat´s gesehen…

„Adolf von Heintze“

1864-1956

 

Die Familie von Heintze führt deutsche und dänische Adelstitel und ist mit einigen namenhaften Häusern verwandt.

 

Seit 1892 übt  Adolf von Heintze das Amt des Landrats des Kreises Bordesholm aus, das er von seinem Onkel übernommen hat.

 

Wir schreiben 1920, die Anfangsjahre der Weimarer Republik. Nicht wenige, gerade aus dem Adel stammende, Amtsinhaber haben Schwierigkeiten mit der neuen Gesellschaftsordnung. So kommt es, dass erklärte Gegner des ersten demokratischen Staates versuchen, die aus freien Wahlen hervorgegangene Regierung unter Reichskanzler Bauer und dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Berlin zu stürzen. Dieser sogenannte Kapp-Putsch scheitert jedoch daran, dass die Arbeiterschaft durch einen Generalstreik jegliche Unterstützung verweigert.

 

Da Adolf von Heintze eine Beteiligung an diesem Kapp-Putsch nachgesagt wird, er sogar wegen Hochverrat angeklagt werden soll, wird er im Mai 1920 seines Amtes enthoben.

Sein Nachfolger wird Arthur Zabel.

 

Vieles ist geschehen und die Bordesholmer Linde hat´s gesehen… 

„Arthur Zabel“

1891-1954

 

Ab 1918, mit Ausruf der Weimarer Republik, kontrolliert Zabel als Beigeordneter die Amtsführung des Landrates Adolf von Heintze, der zu den Vertretern der „alten“ Staatsordnung gehört, und übernimmt 1920 schließlich dessen Amt.

 

Doch obwohl Zabel seine Arbeit sehr engagiert beginnt, scheitert er an den Intrigen der alten lokalen Autoritäten und gibt nach knapp einem Jahr auf.

 

Er zieht nach Stettin um, bleibt weiterhin politisch aktiv und wird 1932 in den Preußischen Landtag gewählt.

 

Zabel erkennt schnell, dass gute Worte allein gegenüber der nationalsozialistischen Bewegung machtlos sind. So engagiert er sich im Widerstand, indem er Nachrichten und Informationen des Spitzels „DAMOS“ an sozialdemokratische Zeitungen weitergibt.

Doch Gegner der NSDAP leben gefährlich. Im Mai 1933 wird Zabel verhaftet und kommt ins Konzentrationslager Esterwegen, aus dem er erst Weihnachten wieder entlassen wird.

 

1945/46 wird er Leiter des Arbeitsamtes Kiel und danach bis zu seinem Ruhestand Präsident des Landesarbeitsamtes Schleswig-Holsteins. Seinen Lebensabend verbringt er in Heikendorf.

 

Vieles ist geschehen und die Bordesholmer Linde hat´s gesehen...

„Das bist DU!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielleicht hat die Bordesholmer Linde auch dich gesehen - was wird geschehen?

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